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Vom Urchristentum
zur Krise des Subjekts

Leseprobe: Kapitel 3

Zusammenfassung

Im Urchristentum setzte man eine Subjektbildung der Gläubigen voraus. Diese Erwartungshaltung der kirchlichen Organisationen gegenüber den Gläubigen hat sich im Wesentlichen bis heute nicht verändert. Allerdings hat die Subjektbildung in den letzten Jahrhunderten eine zunehmende Veränderung er­fahren und ist seit dem Ende der 60er Jahre immer eindeutiger in die Krise der Verhärtung (N. Luhmann) oder der Auflösung (M. Foucault) geraten. Die Änderung der Subjektbildung ist nicht ohne Folgen für die kirchliche Organisation geblieben. In Mitteleuropa, wo man die Krise des Subjekts nicht mehr übersehen kann, ist der deutliche Schwund der Kirchenbesucher zweifellos in diesem Zusammenhang zu verstehen. Es ist daher an der Zeit, im Sinne einer kritischen Theologie und einer zeitgemäßen Religionswissenschaft näher nach der Bedeutung und Rolle des Subjekts in der Geschichte des Christentums zu fragen.
 
Es wird gezeigt, dass die klassische Form der Subjektbildung – entstanden durch den Einfluss der jüdischen Religion – eine permanente Krise mit sich bringt, da das kollektive Gesetz mit der individuellen Lebenskraft (Willenskraft) nur eine dualistische Beziehung eingehen kann und damit zu einer dauerhaften Aussöhnung zwischen Einheit und Differenz nicht fähig ist. Auf der anderen Seite war in der Geschichte der Menschheit diese Entwicklungsstufe von großer Bedeutung, da die Fähigkeit zur Rechtsbeziehung zwischen den Menschen durch das angestrebte religiöse Rechtsverhältnis zu Gott erst richtig entwickelt werden konnte.
Es wird die These vertreten, dass das Christentum nach der Offenbarung des Gottessohnes durch die Möglichkeit der Nächstenliebe die Chance bietet, aus den Einseitigkeiten eines Dualismus oder den damit verbundenen einseitigen Einheitsbetrachtungen eine Versöhnung zwischen Differenz und Einheit anzustreben. Dieses ist die Voraussetzung der „Vergöttlichung“ der Menschen, einer Nachahmung der Beziehungsverhältnisse der christlichen Trinitätslehre.
Der eschatologische Anspruch der christlichen Lehre verlangt daher eine Auseinandersetzung mit der Subjektbildung und die Untersuchung der Chancen zu einer Metamorphose des alten „strammen“ Subjekts. Auch die Beziehung zu Gott im Sinne einer kräftemäßigen Beziehung (G. Palamas) muss ihre Erweiterung in der Nächstenliebe erfahren. Der Dualismus zwischen Innenleben und Außenleben, wie im Modell des anthropologischen Vierecks veranschaulicht, ist mit Hilfe der Integrationskraft der polaren Beziehungsfähigkeit zu „heilen“. Es muss angestrebt werden, die einseitig gewordenen Dualismen, wie z. B. Kloster contra Welt, Gotteswelt contra Materialismus, aus ihren Sackgassen zu befreien.
Damit ist die bewusste Kenntnisnahme der zeitgemäßen Krise des Subjekts eine unabdingbare Voraussetzung der Entwicklung einer christlichen Anthropologie.
 
 
(→ Die Zahlen in Klammern weisen auf die Fußnoten im Buch hin.
Diese finden Sie jedoch nicht auf der Homepage, sondern nur im Buch selbst.)